Presseschau der letzten 20 Jahre

Die lange Suche nach der unauffindbaren Wahrheit

20 Jahre Untersuchungen, Überprüfungen, Nachforschungen. Ein unermüdliches Warten, zwischen trügerischen Indizien und enttäuschten Hoffnungen. Trotzdem ist die Wahrheit irgendwo verborgen. Für Eltern, Freunde und Polizeibeamte ist nur eine Sache klar: man darf auf keinen Fall aufgeben.

28. September 1985, gegen 17.30 Uhr auf dem Schulhof von Saxon. Der entscheidende Zeitpunkt und Ort. Das letzte Mal, dass man Sarah, 5 Jahre alt, gesehen hat. Sie hatte das Elternhaus mit ihrem kleinen Fahrrad verlassen, um zu ihrer Großmutter zu fahren. Einen Weg, den sie perfekt kannte. Zwei Schüler haben sie noch auf diesem Schulhof gesehen, wo man später das Fahrrad finden sollte, am Fuße der Treppe zur Turnhalle.

Und danach nichts mehr. Zwanzig Jahre später herrscht immer noch eine schwere Ungewissheit. Genau dort, zwischen 17.30 und 18.30 Uhr liegt der Schlüssel zum Geheimnis. Was ist in diesen Minuten geschehen, in denen Sarah verschwunden ist?

Diese brennende Frage ist auch das größte Fragezeichen dieses Falles. Fahnder, Richter, Polizeibeamte, Suchende aller Disziplinen kommen immer wieder darauf zurück. Leider ohne Ergebnis, aber mit der Überzeugung, die mit jeder neuen Analyse stärker wird, dass man das Puzzle mithilfe dieses entscheidenden Stückes fertig stellen kann.

Saxon wird durchkämmt

Mit dem um 18.30 Uhr ausgelösten Alarm setzt sich eine Maschinerie in Bewegung, die nicht mehr stoppen wird. Vermisstenmeldung, erste Nachforschungen am Abend und in der Nacht. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Sarah ist einfach verschwunden. Mit dem Morgengrauen werden beeindruckende Maßnahmen eingeleitet. Sie werden von Gendarm Jacky Michelet, der Leiter der Rettungskräfte der Kantonspolizei ist, sowie von Charly Kohli, Gemeinderichter von Saxon, koordiniert. Fahrzeuge mit Lautsprechern, Durchsage im Radio, Telefonketten ins Elternhaus, die einzelnen Elemente der Nachforschungen werden umgesetzt, damit nicht das mindeste Indiz verloren geht.

Sehr schnell bittet die Einsatzzentrale Freiwillige und das Heer um Hilfe. Das Militär entsendet zwei Wochen lang Soldaten, um die 150 Freiwilligen zu unterstützen, die das gesamte Gebiet von Saxon, von der Rhône bis Pierre-à-Voir Meter für Meter durchkämmen. Kein Gebüsch, kein Weg, kein Hof wird ausgelassen. „Wir haben alle Häuser von Saxon durchsuchen lassen, und dies zweimal, mit verschiedenen Personen, alle Schränke geöffnet, alle Müllsäcke geleert, die gesamte Kanalisation durchsucht. Man kann sagen, dass die gesamte Gemeinde sowie die Gegend von Riddes bis Martinach mit einem feinen Kamm durchsucht wurde." Charly Kohli erinnert sich an diese schlimmen Tage. „Wir hatten sogar Späher auf den Hängen postiert, um verdächtige Fahrzeuge zu erfassen, die in der Ebene angehalten haben." Gleichzeitig mit dieser großen Suchaktion führt die Polizei eine straffe Überprüfung aller möglichen Spuren durch, einschließlich Kontrolle der „Risiko"-Personen und verdächtiger Fahrzeugbewegungen.

Eine enorme Solidarität

Während sich das gesamte Wallis wie ein einziger Mann auf die Suche nach der kleinen Sarah macht, kommt es zu einer riesigen Solidarität mit den beiden Eltern Claudy und Dominique Oberson. Sie bieten die Stirn, verstecken ihre Angst hinter einem entschlossenen Mut und richten über das Radio Appelle an die Entführer. Dass sie Sarah zurück wollen oder dass man ihnen sage, was aus ihr geworden ist!

Auf Initiative des Vorsitzenden des Grossen Rats, Maurice Copt, des Staatsrates Bernard Comby, von Gemeindevertretern, der Polizei, der Medien tritt ein Komitee zusammen, das aus verschiedenen Persönlichkeiten unterschiedlicher Bereiche zusammengesetzt ist. Dieses Komitee wird die Leitung der Untersuchungen übernehmen und weitet sie auf die gesamte Schweiz und auf das Ausland aus.

Das Entsetzen über dieses Verschwinden hat das ganze Land gepackt. Mehr als 150.000 Flugblätter mit dem Porträt von Sarah werden an den Eingängen von Einkaufszentren, auf Bahnhöfen, an Flughäfen, von den Zöllnern, den schweizerischen und internationalen Fernfahrern, von Schülern und allen Initiativen im Kinderbereich verteilt. Dank Swissair werden die Flugblätter von Sarah weltweit verschickt, während alle Medien die Nachricht weitergeben. Sendungen wie „Aktenzeichen XY" in Deutschland oder „Perdu de vue" in Frankreich werden sich ebenfalls an den Nachforschungen beteiligen. Zur gleichen Zeit gehen auf das Solidaritätskonto für Sarah Oberson Tausende privater Spenden in Höhe von mehr als 250.000 sFr. ein. Diese Summe umfasst auch die Spende einer Genfer Firma - die anonym bleiben möchte - über 150.000 Franken zu deren hundertjährigem Bestehen.

Die Spur nach Österreich...

Die Mobilisierung der Medien führt schnell dazu, dass ganz Europa bewegt wird. Die Anrufe, spontane Aussagen, die unvermeidbaren zweifelhaften Nachrichten und mehr oder weniger zu prüfende Hypothesen prasseln auf das Haus der Obersons und die Leitzentrale ein, die von Charly Kohli und seinen Helfern gehalten wird. Einen Anteil an dieser Vielzahl von Indizien hat sicherlich die Belohnung von 50.000 Fr. (die immer noch gültig ist), die auf entscheidende Hinweise ausgesetzt wird, aber die öffentliche Meinung wird vor allem vom Mitgefühl bestimmt. Durch dieses Gefühl werden die Menschen so aufmerksam, dass sie Sarah überall gesehen haben wollen, von Lyon über das Elsass , Deutschland und die österreichische Grenze bis nach Wien.

Tatsächlich wird sich die größte Aufmerksamkeit auf Wien richten. Während der Sendung „Aktenzeichen XY" ist eine angesehene Dame der österreichischen Hauptstadt überzeugt, Sarah wenige Tage vorher in einem großen Auto mit einem Paar vor dem Südbahnhof gesehen zu haben. Es kommen weitere Berichte und Aussagen aus dieser Stadt und verstärken somit diese „österreichische Spur". Infolgedessen entsendet das Komitee eine Delegation nach Wien, um die Presse und die Medien für dieses Thema zu sensibilisieren. Eine weitere Spur nach Lyon wird ebenfalls vor Ort überprüft. Aber immer noch ohne Ergebnis.

Ist es die allgemeine Aufregung, welche zu den spontansten Aussagen führt? Wo gibt es ein handfestes Indiz für eine Spur der kleinen Sarah? Weder das Solidaritätskomitee noch die Fahnder können sich den Luxus leisten, sich auf diese Frage zurückzuziehen! Man muss in allen Fällen überprüfen, kontrollieren, miteinander abstimmen...

...und die Spur der Pendel

Seitens der Polizei hat man alle Spuren mit einer tadellosen Hartnäckigkeit verfolgt, alle Indizien überprüft, alle Angaben möglicher Zeugen oder Helfer überprüft.

Unvermeidbarerweise und häufig mit einem offensichtlichen guten Willen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, haken sich auch die Freunde des Übersinnlichen in den Fall ein. So kommt es Ende 1985 in Saxon zur außergewöhnlichen Versammlung mehrerer Dutzend Parapsychologen, Wünschelrutengänger und anderer Anhänger mehr oder weniger dunkler Künste. Auf Grundlage von Karten, Fotos oder Gegenständen geben diese Spezialisten zusätzliche Hinweise. Selbst in diesem Fall vernachlässigen die Fahnder bei aller Skepsis keine einzige Spur. „Jedes Mal, wenn uns ein genauer Ort genannt wurde, hat man ihn mit der Polizei überprüft. Und das dauert bis heute an", teilte uns der unermüdliche Charly Kohli mit.

Diese übernormale Mobilisierung bringt natürlich auch einige Merkwürdigkeiten mit sich. Am Ende ihrer seltsamen Versammlung hat die Mehrheit der Pendelträger sogar dafür gestimmt, dass Sarah noch lebe...

Selbst das FBI

Sehr bald jedoch werden die Fahnder durch orthodoxere Methoden wissenschaftlicher Polizeiarbeit unterstützt. Bei einem ähnlichen Fall bat die Polizei im Kanton Aargau das FBI und seine „Profiler" um Hilfe. Diese kommen ins Wallis und untersuchen Sarahs Fall, denn zur gleichen Zeit verschwinden zwei weitere Kinder in Neuchâtel/Neuenburg und im Tessin, Fälle, die ebenfalls noch nicht aufgeklärt werden konnten.

Ein computergestütztes Porträt einer „Sarah Fünf Jahre danach" wird verbreitet. Zu dieser Zeit ist das Solidaritätskomitee nicht mehr sehr aktiv, aber seine wichtigsten Protagonisten stürzen sich auf das kleinste Indiz. Um die Möglichkeiten zu vergrößern, beauftragen sie einen Privatdetektiv aus Genf, der alle Spuren persönlich überprüfen wird. Man greift sogar auf Hypnose zurück, um eventuell bestimmte Details der Zeugenaussagen näher bestimmen zu können.

In diesem Zeitraum wird das gesamte Land von mehreren pädophilen Skandalen erschüttert. Die Ermordung von Vincent Puippe und Cédric Antille bringen die Aufregung auf einen Höhepunkt. Die Verhaftung des Triebtäters von Romont und seiner ausführlichen Aussagen führen zu einer schrecklichen Vermutung: vielleicht ist ihm Sarah über den Weg gelaufen? Aber es ist nichts daran. Ähnliche Überprüfungen wurden mit anderen verhafteten Straftätern durchgeführt, die mehr oder weniger diesem Verbrechensprofil an Kindern entsprachen.

Eine Stiftung zur Unterstützung des verletzten Kindes

Noch heute, 20 Jahre später, gleicht die Polizei bei ihrer Verhaftung dieser Art das Alibi dieser Perversen ab, die in diesen Fall verwickelt sein könnten.

Ohne dieses Verschwinden jemals zu den Akten legen zu wollen, wurde das Solidaritätskomitee der Anfänge in den neunziger Jahren zur Sarah-Oberson-Stiftung umgewandelt. Für diesen Vorgang gab es mehrere Gründe. Einerseits gab es die Notwendigkeit, die Verwaltung der Spendengelder aus dem Jahre 1985 absolut transparent zu gestalten. Die Satzung der Stiftung ermöglicht das. Andererseits haben die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel sowie der Wille der Eltern Oberson, dass diese Großzügigkeit für andere Kinder genutzt wird, dazu beigetragen, dass sich die Bewegung an das Internationale Institut der Rechte des Kindes (IDE) gewendet hat, dessen Vorsitzender Bernard Comby ist und das vom Jugendrichter Jean Zermatten geleitet wird. Diese Übereinstimmung der Ziele hat es ermöglicht, mehrere Kolloquien zu organisieren, die zum Themenbereich „getötete Kinder" ein großes wissenschaftliches und technisches Interesse hervorgerufen haben. (Siehe auf dieser Website unter „Stiftung").

Aber diese erweiterte Tätigkeit zu den Rechten des Kindes, die so häufig in unserer Gesellschaft mit Füßen getreten werden, haben uns nicht das wichtigste Ziel der ursprünglichen Bewegung vergessen lassen : Mit allen Mitteln die Wahrheit über das Verschwinden von Sarah herauszufinden. Bestimmte Mittel sind ausdrücklich für alle Notfallaktionen vorbehalten, die aufgrund neuer Indizien notwendig werden sollten. Die Beziehung zwischen den Eltern Oberson, der Polizei und dem Untersuchungsrichter ermöglicht es jederzeit, die Untersuchung in diesem Bereich wieder aufzunehmen.

Rückkehr zum Ausgangspunkt

Wie kann eine Untersuchung wieder mit Erfolgsaussichten aufgenommen werden, die trotz der Fähigkeiten und der Hartnäckigkeit der Beamten festgefahren ist? Mehrere Untersuchungsrichter, zahlreiche Inspektoren der Sicherheitspolizei, Polizeibeamte jeder Herkunft haben an diesem Fall gearbeitet. Ohne zu einem Abschluss zu gelangen.

Kurz vor diesem traurigen 20. Jahrestag hat der Stiftungsrat versucht, den gesamten Fall neu aufzurollen, indem man ihn einem Spezialisten zum „Auditing" vorlegte. Wie das FBI, wie mehrere Berater, welche die Angelegenheit bis ins Detail untersucht haben, bestätigt dieser letzte Bericht auch nur die grundlegende Frage. Was ist an diesem Spätnachmittag des 28. September 1985 auf dem Schulhof von Saxon geschehen?

Und davon ausgehend: was hat in der Entwicklung des Falles gefehlt, damit man auf diese Frage eine Antwort findet?

Kann nur wenige Stunden nach dem Geschehen dieses mit den nächsten Zeugen nicht mehr vollständig nachvollzogen werden? Hatte man die beiden Jungen, die Sarah auf dem Hof gesehen hatten, den Hausmeister der Schule gegenübergestellt? Was ist aus dem berüchtigten Audi geworden, den man im Hof gesehen hat? Was machte der weiße Escort, der das Dorf zum Zeitpunkt des Verschwindens mit hoher Geschwindigkeit durchquerte? Oder war es ein rotes Auto? Wo befindet sich heute das Paar, dessen Frau dem Phantombild der Wiener Zeugin entsprach? Hat man das ein wenig bizarre Verhalten an diesem Nachmittag in den Eckkneipen festgehalten und überprüft ? Warum hat sich Untel wenig später das Leben genommen? Und Untel, der sich auch das Leben genommen hat ? Warum, wer, wie?

Heute den Weg nachvollziehen zu wollen erscheint zufällig: diese Details haben sich in Raum und Zeit aufgelöst, die wenigen Zeugenaussagen waren zu vage, und es ist nicht sicher, dass die Zeugen überhaupt noch leben...

„Was so schrecklich ist", sagt uns Claudy Oberson, der Vater von Sarah, „ist, dass jedes Mal, wenn man auf eine Frage zurückkommt, es 2 Antworten gibt. Man konnte keine dieser Spuren jemals völlig ausschließen. Die einer Entführung oder die eines perversen Verbrechens. Nichts. Man hat nichts gefunden, was zumindest ermöglichen würde, eine der Möglichkeiten auszuschließen, jemanden anzuklagen oder ein für alle Mal eine mögliche lokale Spur auszuschließen."

Zwanzig Jahre später - die Erinnerung...

Die Stiftung, die auf das Solidaritätskomitee Sarah Oberson nachfolgte, bleibt ihrer Haltung treu und legt die Hände nicht in den Schoß. Selbst 20 Jahre später.

Und wenn die verstrichene Zeit - statt alle Spuren zu verwischen - bestimmte Details an die Oberfläche brächte? Wenn plötzlich die eine oder andere Erinnerung, der eine oder andere Eindruck hervorkäme? Im Dorf, im so warmherzigen und so solidarischen Mikrokosmos von Saxon, in diesem brachliegenden Feld individueller und kollektiver Erinnerung, könnte es dort „jemanden geben, der es weiß"? Oder hat jemand geglaubt, etwas zu wissen und nichts gesagt aus Angst, sich zu irren? Oder es gibt jemanden, der jetzt reden kann, während er gestern noch nicht konnte?

Trotz der eingetretenen Verjährung und unter vollständiger Garantie der Vertraulichkeit, alleine im Bemühen, einer Familie den Frieden zu geben, appelliert die Stiftung an Ihr Gedächtnis. Was ist an diesem Nachmittag gegen 17.30 Uhr in diesem verlassenen Schulhof geschehen?
FD - 08.05

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