Informationskampagne - die Weglaufen

Sitten, 21. März 2016
MEDIENMITTEILUNG

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Weglaufen ist der häufigste Grund beim Verschwinden von Kindern

Nach den Aufklärungskampagnen zu Kindesentführungen in den Ober- und Unterwalliser Schulen in den letzten Monaten macht die Stiftung Sarah Oberson nun auf ein anderes Thema aufmerksam: das Weglaufen von Kindern. Eine beunruhigende Realität, da allein im Wallis jedes Jahr 300 Fälle verzeichnet werden.

Rund 250‘000 Minderjährige werden jährlich in der Europäischen Union als vermisst gemeldet. Ein Kind alle zwei Minuten. 50‘000 in Frankreich. «In der Schweiz sind die Statistiken lückenhaft, da sie nicht auf nationaler Ebene geführt werden», bedauert Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin bei der Sarah-Oberson-Stiftung. «Eines ist aber sicher: Die Fälle haben in unseren Nachbarländern und zweifellos auch bei uns stark zugenommen.» Internationalen Studien zufolge liegt die Zahl der Jugendlichen, die von zu Hause weglaufen, schätzungsweise zwischen 1,1% und 8,7%.

Dies würde, auf die Schweizer Bevölkerung von 2014 umgerechnet, zwischen 6500 und 51‘500 Fälle bedeuten. «Im Wallis wurden den Behörden zwischen 2010 und 2015 insgesamt 1805 Fälle gemeldet, in denen Kinder weggelaufen sind; also fast ein Kind pro Tag. Zum Glück wurden alle Kinder wiedergefunden!»

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Ausdruck von Unzufriedenheit
In der grossen Mehrheit der Fälle laufen die Kinder von zu Hause weg. Das ist ein radikales Mittel der Jugendlichen - denn 90% davon sind Jugendliche -, ihre Unzufriedenheit auszudrücken und für ein paar Stunden, einige Tage oder manchmal mehrere Wochen ihrem Umfeld zu entfliehen. Eine schlechte Note, Streit mit den Eltern, deren Desinteresse oder sogar Misshandlung, Trennung von der Freundin - Gründe gibt es viele. «Es ist unmöglich, ein Weglaufen mit Sicherheit vorherzusehen», erklärt Professor Olivier Halfon, Chef des Service universitaire de psychiatrie de l'enfant et de l'adolescent (universitäre psychiatrische Dienste für Kinder und Jugendliche, SUPEA) des Universitätsspitals (CHUV) in Lausanne. «Man muss aber auf jede Verhaltensänderung achten, wenn sich ein Kind beispielsweise abschottet und/oder seine schulischen Leistungen sich verschlechtern.»1

Das Verschwinden unverzüglich der Polizei melden

Die Auffassung, dass das Weglaufen ein Übergangsritual hin zum Erwachsenenalter darstellt, entspricht nicht mehr der Realität. Verlässt ein Kind freiwillig sein Zuhause, ist dies ein Hilfeschrei. Weglaufen ist seine Art, der Familie und der Gesellschaft zu sagen: «Ich brauche Hilfe. Ich halte meine Situation nicht länger aus. Deshalb handle ich und laufe weg.»

Das Jugendalter ist eine entscheidende Phase für die Gehirnentwicklung, in der sich gewisse charakteristische Verhaltensweisen zeigen wie verstärkte soziale Interaktion, erhöhte Risikobereitschaft, die Suche nach Herausforderungen und Neuem, mehr Neugier und Entdeckergeist.1 Die während dieser Zeit im Gehirn stattfindenden Veränderungen führen dazu, dass Jugendliche handeln, bevor sie die Konsequenzen ihrer Handlungen vollständig eingeschätzt haben.(1)

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«Weglaufen ist eine der gewagten Verhaltensweisen, die zu dieser Entwicklungsphase gehören», erläutert Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin bei der Oberson-Stiftung. «Als solche darf sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sei es nach dem Verschwinden noch nach der Rückkehr des Kindes.» Je mehr Zeit ein Kind auf der Strasse verbringt, desto mehr ist seine Integrität gefährdet. Es ist also wichtig, das Kind so schnell wie möglich wiederzufinden. Deshalb muss nach dem Verschwinden - nachdem seine Angehörigen und/oder die Schule kontaktiert worden sind - unverzüglich die Polizei alarmiert werden.



Nach der Rückkehr des Kindes einen konstruktiven Dialog aufnehmen

Das Weglaufen muss nicht nur während der Abwesenheit des Kindes ernst genommen werden, sondern auch bei der Rückkehr. Deshalb ist es wichtig, Raum für Dialog zu schaffen, damit der Jugendliche seine Empfindungen und die Gründe für sein Verhalten erklären und die erwachsene Person ihren Standpunkt darlegen kann, ohne dass dies gewertet wird. «Wir sind überzeugt, dass eine Reflexion darüber, was es bedeutet, wenn Jugendliche weglaufen, zu einer besseren Betreuung der Ausreisser beitragen kann», betont Clara Balestra. «Auch wenn in der Schweiz fundierte Kenntnisse zu diesem Phänomen noch fehlen.»

Wenn im Wallis ein Kind wiedergefunden wird und die Polizei eine soziale Betreuung für notwendig hält, leitet sie den Fall an das Amt für Kinderschutz (AKS) weiter. Dieses bestimmt die zu ergreifenden Massnahmen wie Unterstützung der Familie, Platzierung oder Spitalaufenthalt. Ist keine dringende Massnahme erforderlich, nimmt das AKS mit der Familie und dem Kind separat Kontakt auf, um ihnen Hilfe anzubieten.

(1) Sarah-Oberson-Konferenz 2012 - «Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe?», Jean Zermatten et al., November 2012.

 

>> Weitere Informationen zum Weglaufen von Kindern (Zusammenfassung der Sarah-Oberson-Konferenz 2012: «Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe?») unter:
http://www.sarahoberson.org/soiree-sarah-oberson-2012,de,78,pa.html

>> Mehr Informationen zu Themen rund um die Kindheit und Jugendphase sind verfügbar auf der Website der Stiftung Sarah Oberson:
www.sarahoberson.org

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KONTAKT

 

Guillaume Grand,
Stiftung Sarah Oberson
Vizepräsident des Stiftungsrates

076 421 39 71
info@sarahoberson.org

 

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